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Berliner Zeitung 15. Februar 2003
Nicht umsonst, aber sehr preiswert
Es klingt zu schön, um wahr zu sein: "Top-Hotels fast kostenlos" offeriert das Internet-Reiseunternehmen Gratistours und verspricht auf seiner Homepage "das Erlebnis eines persönlichen Traumurlaubs in internationalen Luxushotels". Ob in Ägypten oder in Dubai, in der Schweiz oder in Tirol, ob auf Ischia oder auf einem Nilkreuzfahrtschiff - stets soll das Ganze pro Person 49 Euro Buchungsgebühr und einen täglichen Satz für die Verpflegung kosten. Erster Gedanke Skepsis: Handelt es sich dabei um eine üble Verlade in Zeiten extremer Sparsamkeit und ausgesprochener Buchungszurückhaltung? Bauernfängerei auf einem heiß umkämpften Markt mit knallhart abgesteckten Claims? Wie sollte es möglich sein, teure Spitzenhotels fast zu verschenken? Oder ist das wirklich ein seriöses und damit attraktives Angebot? Ich mache die Probe aufs Exempel. Unter www.gratistours.com finde ich zunächst sechs Länderübersichten. Ein Mausklick auf Ägypten, und man kann weiter wählen zwischen Kairo, Luxor, Hurghada, Sharm el Sheik, Nilkreuzfahrten und Kombinationen. Ich will nach Sharm el Sheik auf der Halbinsel Sinai und finde dazu vier Hotels jeweils mit Fotos, ausführlicher Beschreibung und Serviceinformationen. Ein Vier-Sterne-Hotel (Landeskategorie), in dem 20 Euro pro Tag und Person für die Halbpension zu zahlen sind, gefällt mir am besten. Ein weiterer Klick, und schon ist die Buchung im System. Eine Bestätigung kommt prompt elektronisch mit der Bitte um Angabe der Flugdaten. Die Besonderheit nämlich: Um den Flug hat sich der Urlaubsgast selbst zu kümmern. Nicht unbedingt ein Pferdefuß, hat man damit sein Schicksal in der Luft doch selbst in der Hand. Allerdings ist es ratsam, bereits einige Zeit im Voraus den gewünschten Reisetermin mit den noch vakanten Plätzen im Ferienflieger abzugleichen. Außerhalb der Ferien und als Alleinflieger kein so großes Problem, bei der Air Berlin werde ich sofort und preisgünstig fündig. Eine weitere E-Mail geht an Gratistours, das war es dann schon mit den Formalitäten. Kassiert wird am Anfang Zweiter Pluspunkt: die Einreise. Noch vor der Passkontrolle empfängt ein junger Mann, der später auch alle Ausflüge begleiten wird, die Gratistours-Gäste. Während die Reiseleiter der Großveranstalter im Ankunftschaos mit wilden Haufen und langen Schlangen zu kämpfen haben, kann Yasser Hamad unser überschaubares Grüppchen leicht dirigieren. Visummarken einkleben, Passkontrolle, Koffer fassen - das alles läuft entgegen aller Befürchtungen wie am Schnürchen. In weniger als einer halben Stunde sitzen wir im (kostenlosen) Transfer- Bus, der nur zwei Hotels ansteuern muss - auch das ein Vorzug der Mini-Gruppe. Der ausgedruckte E-Mail-Voucher gilt als Eintrittskarte fürs Hotel, der Preis für die Halbpension - egal ob Cash oder Kreditkarte - ist beim Einchecken fällig. Von diesem Moment an bin ich ein Gast wie jeder andere auch. Das "Seti Sharm" ist ein schönes Hotel und sieht viel besser aus als auf den Internet-Fotos. Zweigeschossige weiße Zimmertrakts in einer Art Reihenhausarchitektur, zwei Pools, großzügige gepflegte Grünanlagen, direkt am Strand gelegen, den lange Reihen Palmen und Sonnenschirme säumen. Das Ganze picobello sauber. Weniger erfreulich: Wasserprobleme. Zwei lange Tage gibt es nur kaltes, danach zwei Tage nur heißes, dazwischen manchmal gar keins. Gratis dazu eine wahrhaft Nerv tötende Poolbeschallung. Wirklich frustrierend aber: Das Haus ist rappelvoll mit russischen Touristen. Mit der Folge, dass gut organisierte Familienclans heuschreckenartig die Büfetts verwüsten. Die Atmosphäre bei Frühstück und Abendessen ist entsprechend und verliert erst ihren Schrecken, als es am vierten Tag deutlich ruhiger wird. Sharm el Sheik sei ihr Sorgenkind, gesteht eine Woche später Gratistours-Chefin Jasmin Taylor bei einem Gespräch in ihrem Berliner Büro. Hier gäbe es immer mal wieder Reklamationen. Das sei Gift für das zarte Pflänzchen Gratistours. "Für uns und die Hotels ist ein zufriedener Gast, der wenig zahlt und zu Hause in den höchsten Tönen schwärmt und weiterempfiehlt natürlich wichtig." Diese Mund-zu- Mund-Propaganda funktioniert offenbar fabelhaft, denn der Neuling auf dem Reisemarkt sorgt für Furore und ärgert manch Branchenriesen inzwischen mächtig. Stolz verweist Frau Taylor darauf, dass Gratistours seit Firmenstart im Mai vergangenen Jahres bereits 100 000 Hotelaufenthalte verkauft hat. Das ist in der Tat enorm. Genauso erstaunlich: die Finanzierung des Unternehmens ausschließlich über die 49 Euro Vermittlungsgebühr und die Provisionen für verkaufte Ausflüge vor Ort, die zum Teil ebenfalls erheblich billiger sind als bei der etablierten Konkurrenz. In ihrer GmbH stecke kein einziger Cent Fremdkapital, betont Jasmin Taylor fast entrüstet, als sei so etwas ein Makel. Die Einnahmen decken die Miete des Büros, die Löhne ihrer einheimischen Reisebetreuer in den Zielgebieten sowie die Gehälter der 15 Mitarbeiter, die in täglich zwei Schichten die Service-Hotline bedienen und die Buchungen abwickeln. Gratistours braucht kein Geld für teure Kataloge und gibt keines aus für Werbung. Der Erfolg hat die gebürtige Iranerin mit amerikanischem Pass und deutschem Abitur selbst überrascht: "Ich wollte eigentlich nur ein Produkt auf den Markt bringen, bei dem aus Sicht des Kunden Preis und Leistung stimmen", antwortet die Marketing-Fachfrau auf die Frage nach der Geschäftsidee. Die Partner dazu fand sie schnell. Den Hotels ist Gratistours nicht nur deshalb lieb, weil ungenutzte Kapazitäten regelmäßig gebunden werden. Die Hoteliers sehen mindestens ebenso gern, dass ihnen mit der Bezahlung der Halbpension sofort Bargeld zur Verfügung steht. Der Volltreffer Zurück nach Sharm el Sheik. Zum Vergleich hatte ich beschlossen, ein zweites Gratistours-Haus unter die Lupe zu nehmen. Und siehe da, das 5-Sterne-Hotel "Hostmark" versöhnt letztlich auch den Autor. Zum einen, weil das Haus mit einer umfassenden Infrastruktur überzeugt. Zum Zweiten, weil Herkunft und Mischung der Gäste extreme Zustände nicht befürchten lassen. Und noch eine angenehme Überraschung: Mit Dagmar Mordziol hat eine deutsche Managerin rund um die Uhr den Hut auf für das Wohl aller Hotelgäste. Und die sind des Lobes voll, wie Gespräche mit Urlaubern zeigen. Als Erfahrung nehme ich mit: Bei gleichen Ausgaben - auch im "Hostmark" kostet die Halbpension 20 Euro pro Tag - oder selbst wenn es ein paar Euro mehr sein würden, sollte man die höchste Hotelkategorie wählen. Denn eingespart hat man ja schon am Urlaub genug. Kosten zum Beispiel zwei Wochen "Hostmark" über Ostern bei Gratistours 697 Euro (inklusive Gratistours-Flug mit Air Berlin), so muss man bei Neckermann dafür 1 299 Euro berappen, bei absolut identischem Leistungsangebot. 600 Euro Differenz also, was wahrlich kein Pappenstiel ist. In Einzelfällen ließen sich sogar bis zu 75 Prozent sparen, verrät Jasmin Taylor und verweist dabei besonders auf ihren Renner, die Nilkreuzfahrt-Badeurlaub-Kombinationen. Summa summarum: Auch wenn nicht alles Gold war, was geglänzt hat in der Gratistours-Praxis von Sharm el Sheik und auch wenn beileibe nicht alles gratis war bei Gratistours, die Zweifel an Seriosität und Attraktivität sind ausgeräumt. Als erschwingliche und trotzdem komfortable Alternative ist Gratistours eine erfreuliche Bereicherung auf dem Reisemarkt. Und durchaus auch eine Überlegung wert, wenn es demnächst wieder mal um den eigenen Urlaub geht.
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