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Südwest Presse 30. November 2002

REISEMARKT / Ein Neuling sorgt in der Branche für Furore

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. . . und das Hotel gibt es gratis dazu
Erfahrungen mit einem Testurlaub am Roten Meer in Ägypten

Ein Neuling auf dem Reisemarkt sorgt seit Juni in der Branche wie auch bei Erholungssuchenden für Furore. Er ist angetreten, um - sehr zur Freude der Verbraucher - die Urlaubsindustrie das Fürchten zu lehren. Der Veranstalter "GratisTours" bietet Reisen fast gratis an.

Jasmin Taylor (36), gebürtige Iranerin mit amerikanischem Pass und deutschem Psychologiestudium, ist Geschäftsführerin von "GratisTours" und bekennt sich zu einer angeborenen Sparsamkeit.

Wie ist es möglich, komfortable Spitzenhotels fast für geschenkt anzubieten, und was steckt dahinter? Bauernfängerei, ein Lockangebot, für das die Schnäppchenjäger den kaum vermeidlichen Pferdefuß grüßen sehen? Oder eine neue Art von Kaffeefahrten? Nur so oder ähnlich könnte sich ein Neuling auf dem ebenso gebeutelten wie in fester Hand befindlichen Reisesektor finanzieren und über Wasser halten. Dachte ich auch - und machte die Probe aufs Exempel.

Als Selbstzahler und Allerweltsurlauber setzte ich mich auf die Fährte der Exoten, die von Berlin aus als "GratisTours" firmieren, buchte im Internet ein 5-Sterne-Hotel im ägyptischen Nobel-Ferienclub "Golden 5 City" für zwei Wochen zum Schleuderpreis von schlappen 12 Euro für Halbpension pro Tag, Übernachtung, Sonnenschirm, Liege und Service am Strand inklusive.

Eine Reiserücktrittsversicherung erübrigte sich, nachdem - ausgenommen der Flug und 49 Euro als so genannte Servicepauschale für "GratisTours" - erst bei der Ankunft bezahlt werden muss. Bis zuletzt seien sogar Änderungswünsche möglich, und zwar ohne Aufpreis oder Stornokosten, wurde auf Nachfrage versichert. So viel Kundenfreundlichkeit und Entgegenkommen ohne Haken und Ösen? Das macht skeptisch. Doch Misstrauen war diesmal unbegründet, wie auch am Reiseziel befragte "GratisTours"-Reisende ausnahmslos bestätigten. Einige fühlten sich sogar besser bedient als auf früheren Reisen mit etablierten Anbietern.

Um den Flug muss sich der Urlauber allerdings selbst kümmern. Dafür gibt es Gründe, wie spätere Recherchen ergaben. Zum einen wäre das aus dem Stand heraus von Kunden und Interessenten überrannte Unternehmen überfordert; zum anderen wird eine juristische Klippe umschifft: Da das Unternehmen nur die Hotels vermittelt, wird es nicht zum Reiseveranstalter im rechtlichen Sinn. Somit bleibt es vor Auflagen bis hin zum Sicherungsschein verschont. Dieser wurde vom Gesetzgeber eingeführt, damit bei Pleiten von Reiseveranstaltern die urlaubenden Kunden nicht in der Ferne festsitzen.

Die Buchungsbestätigung kam prompt per E-Mail und auch die weiteren Formalitäten liefen auf dem elektronischen Weg ebenso geschmiert wie für den Kunden - im positiven Sinn - stets durchsichtig und wohltuend unkompliziert.

Wohltuend einfach

Die Querverbindung auf einen Flug-Agenten im Internet versprach zwar einen Partner von "GratisTours", erwies sich jedoch als wenig hilfreich, unflexibel und auch sonst nicht überzeugend. Erfolg versprechender war ein Konkurrent. Er bot als Last Minute den Hin- und Rückflug mit Condor in das ägyptische Ferienparadies Hurghada einschließlich aller Gebühren für 280 Euro an.

"GratisTours" hat sich übrigens bereits für einen anderen Partner entschieden. Die Kunden können jedoch nach wie vor auf eigene Faust einen ihnen genehmen Fluganbieter wählen.

Am ägyptischen Zielflughafen Hurghada angekommen gab es die nächste positive Überraschung. Während am Schalter eines deutschen Großveranstalters die Neuankömmlinge Schlange standen und erst nach gut zwei Stunden im Zubringerbus saßen, lotste das aus fünf Mann bestehende, einheimische Team von "GratisTours" seine Kunden an den Wartenden vorbei zu den zwar dienstbereiten, aber nicht geforderten ägyptischen Grenzbeamten. Es half bei der Erledigung der Einreiseformalitäten, übernahm das Inkasso für die Visa-Gebühr von 20 Euro und ließ auch sonst seine Beziehungen zu den uniformierten Landsleuten spielen.

Etwas verkniffen sich die dienstbaren Geister über die gesamte Testzeit: das in üblicherweise von Urlaubern in die Betreuer gesetzte Vertrauen auszunutzen, indem sie ihre Vermittlerdienste für Geschäfte und Dienstleistungen aller Art offerieren, für die sie dann - bei oft überhöhten Preisen - auf Kosten der Touristen Provisionen kassieren. Für die angenehme Zurückhaltung gibt es Gründe, wie später Chefin Jasmin Taylor auf Nachfrage erläuterte: Jede Art von Nebengeschäften oder unseriösen Praktiken habe sie ihren Leuten strikt verboten. Wer sich nicht daran halte, werde auf der Stelle gefeuert. Im Gegenzug würden die Reiseleiter anständig, für einheimische Verhältnisse sogar nobel bezahlt. Und zwar von ihr, nicht von abgezockten Urlaubern.

An der Hotel-Rezeption wurde der vereinbarte Preis von 12 Euro täglich für Halbpension im Voraus bar und in Euro kassiert, doch auch hier kam kein Pferdefuß zum Vorschein. Einem erlebnisreichen zweiwöchigen Urlaub für ganze 168 Euro am einem Strand des Roten Meers wie aus dem Bilderbuch unter der nicht enden wollenden ägyptischen Sonne stand nichts mehr im Wege. Und auch das für Halbpensionisten gebotene reichhaltige wie üppige und schmackhafte Büfett am Morgen und Abend ließ keine Wünsche offen.

Freilich bleibt es im Urlaub nicht beim Essen. Zu verlockend sind die Angebote, als dass man ihnen widerstehen könnte. Bei vielen verdient das Hotel mit, sei es bei Wunschgetränken, bei Sonderwünschen oder auch bei den Pächtern der vielen Geschäfte, die zu der Urlaubs-Kleinstadt mit den weitgehend ausgebuchten 1500 Zimmern und damit rund 3000 Gästen gehören. Massagen und andere Dienstleistungen gehen ebenfalls auf Rechnung der Gäste.

Auch "GratisTours" ist auf zusätzliche Einnahmen bedacht. Das Berliner Unternehmen übt sich nicht nur im Geldwechsel, bei dem es sich jedoch mit geringeren Provisionen als Banken und Rezeptionen begnügt. Das Hauptgeschäft vor Ort stellt aber wohl, wie bei den "Großen" auch, eine breite Palette an Ausflugsfahrten dar. "GratisTours" unterbietet da ebenfalls die etablierte Konkurrenz zum Teil deutlich. Möglich macht dies offenbar auch hier die Devise, Reiseleiter nicht von irgendwoher einfliegen zu lassen, sondern Einheimischen den Vorzug zu geben. Damit fahren offenkundig nicht nur die Urlauber nicht schlecht, sondern auch die ausgesprochen zufrieden wirkenden Betreuer. Überhaupt passte alles so perfekt zusammen, dass man glatt auf die Idee kommen könnte, künftig viel öfter einen erschwinglichen und trotzdem komfortablen Ferntrip zu unternehmen - wenn nicht die Zahl der Urlaubstage so begrenzt wäre . . .

 


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