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TRAVELONE 27.06.2007
Jas Capalini spricht die beiden Frauen sofort an. „Kann ich Ihnen helfen?“ fragt die Reisebüromitarbeiterin ihre Besucherinnen, und es entspinnt sich ein Dialog über das Thema Urlaub. Soll es nach Dubai oder Ägypten gehen? Auf den Nil oder an den Strand? Gleichzeitig, ganz woanders in diesem Universum, informiert sich Herri Lean bei Angie Ling, was sie ihm für die Sommerferien anbieten kann. „Für zwei Erwachsene und ein Kind“, sagt der Mann mit der wilden Mähne zu der Blondine am Counter. Zwei Szenen aus einem Reisebüro. Sie spielen sich jedoch keineswegs zwischen Hamburg und München ab. Ort des Geschehens war vielmehr ein Flecken, den die Reisebranche immer mehr für sich entdeckt: die Computerwelt Second Life. Als so genannte Avatare, also als künstliche Personen, nehmen verstärkt auch Touristiker an dem Spiel teil. Die Reiseprofis lassen sich zwar noch an den Fingern abzählen. Doch schlüpfen inzwischen Reisebüroinhaber, Veranstalter, Hotelbetreiber, Kreuzfahrtspezialisten und Ferienhausanbieter von Berufs wegen in virtuelle Rollen. Seit drei Monaten dabei ist etwa Angie Ling, die im wirklichen Leben Angi Gelenbe heißt und ein Reisebüro im sächsischen Markkleeberg betreibt. Ihr Kunde Herri Lean geht seit fünf Monaten auf die Internet-Plattform – er besitzt in Second Life ein 5-vor-Flug-Büro und besuchte Konkurrentin Angie Ling offenbar nur, um sie ein wenig auszuspionieren. Und kürzlich gesellte sich noch Jas Capalini als weitere Cyberspace-Reisebüroinhaberin hinzu. Hinter ihr versteckt sich Jasmin Taylor, Geschäftsführerin von Gratistours, oder einer ihrer Mitarbeiter. MEINUNG ZWEIGETEILT. „Die Möglichkeiten, seine Produkte zu präsentieren, sind absolut zukunftsweisend“, meint Taylor, die sich in Second Life eine tropische Insel gekauft hat und dort nun auf die wirklichen Angebote des Veranstalters hinweist. Und auch Gelenbe – sie hat über ihre virtuelle Agentur bereits Kunden für ihr reales Büro gefunden – betrachtet Second Life als gutes Forum fürs Zusatzgeschäft. Mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – darin sehen viele Werbefachleute für Firmen momentan den einzigen Nutzen von Second Life. Denn sobald ein Unternehmen seine Aktivität in dem Computerspiel ankündigt, berichten die Medien darüber. In der virtuellen Welt selbst aber bleibt den Werbetreibenden die erhoffte Beachtung zumeist versagt. In den Laden von Sportartikelhersteller Adidas beispielsweise verirren sich laut Zeitschrift „Werben und Verkaufen“ höchstens zwei Besucher pro Stunde. Eine ähnliche Bilanz dürften derzeit auch die Touristiker ziehen. Wer vor allem tagsüber als Avatar Gratistours, 5 vor Flug oder Angie Ling Travel besucht, ist dort meist der einzige Gast. Und auch über die Costa Serena – Costa Kreuzfahrten erbaute nach der Taufe seines neuen Flaggschiffes in Second Life ein Terminal und ließ die Serena vor Anker gehen – und die Galaxy (wem das Schiff gehört, ist nicht ersichtlich) schlendert man, ohne jemanden zu treffen. Das kann an mangelndem Interesse an dieser Computerwelt liegen. Ein Grund ist aber sicher auch, dass die Teilnahme am virtuellen Leben alles andere als ein Kinderspiel ist. Interessenten haben sich schnell angemeldet, auch die Kreation eines Avatar fällt leicht (die Nutzer entscheiden selbst, wie sie aussehen wollen). Und nach ein paar ungeschickten Schritten auf der Orientierungsinsel gelingt es den meisten, ihre Figur über die Computertastatur so zu steuern, dass sie nicht ständig an die nächste Wand knallt. Dann aber folgt ein großes Fragezeichen. „Wie komme ich hier weg“, will ein Anfänger vom anderen wissen. Und nicht jeder findet die Antwort. Die Folge: Einige Nutzer steigen bereits auf der Orientierungsinsel wieder aus. Anfänger suchen lange. Aber auch für diejenigen, die den nächsten Schritt schaffen, endet die Sucherei keineswegs. Nur wer sich intensiv mit Second Life beschäftigt und vielleicht Hilfe von einem anderen Avatar erhält, wird sich locker von einem Bereich in den anderen bewegen. Wo zum Beispiel liegt das neue Ferienhaus der dänischen Agentur „Sonne und Strand“? Selbst etwas geübtere Anfänger, die in der Suchmaske ein paar Stichworte eingeben, scheitern. Sonne-und-Strand-Geschäftsführer Fogh Nissen sieht darin scheinbar kein Problem. Second Life sei ein Ort, der gute Geschäfte verspreche und in dem der Ferienhausanbieter viele potenzielle Kunden erreichen könne. Engagements wie dieses beobachtet die Reiseindustrie genau. Branchenprimus TUI zum Beispiel ist noch nicht in Second Life vertreten. Doch verfolgt das Unternehmen interessiert, was sich auf der Plattform tut. Genauso wie die Elvia Reiseversicherung, deren britische und US-amerikanische Schwestern sich bereits auf das Spiel eingelassen haben. Und auch FTI sitzt auf dem Beobachterposten – wobei die Münchener das Treiben konkret mitverfolgen können: Avatar Henri Lean führt das 5-vor-Flug-Büro ohne Segen der FTI-Zentrale. Das Unternehmen, zu dem das Franchise-Büro gehört, lässt ihn dennoch gewähren. Aus Neugier wie sich das Ganze entwickelt. KONTAKTBÖRSE. Gespannt blickt auch Oliver Stöckl, Marketingchef von Derag Hotel and Living, in die Zukunft. Die Hotelgruppe ist seit Anfang des Monats stolzer Besitzer einer Lounge in Second Life. In den zweistöckigen Bau mit Sitzgruppe, Bar und Liegestühlen lädt Stöckl vor allem Derag-Kunden ein und nicht die klassischen Second-Life-Nutzer. Denn er will in der elektronischen Welt nicht neue Gäste gewinnen, sondern den Bewohnern der Apartments einen Service bieten. Die Idee: Die Gäste des Hotels – dabei handelt es sich vorwiegend um Geschäftsreisende, die einen Langzeitaufenthalt buchen – sollen so die Möglichkeit erhalten, leichter miteinander ins Gespräch zu kommen. „Es besteht immer eine Hemmschwelle, sich alleine an die Hotelbar zu setzen“, weiß Stöckl. In eine virtuelle Lounge begebe sich jeder aber auch ohne Begleitung. Die Kunden finden daher in ihren Zimmern einen Computeranschluss samt Second-Life-Zugang vor. Und selbst der Avatar wird ihnen gestellt. Automatisch gelangen sie in die virtuelle Derag-Lounge, die momentan noch verwaist ist, deren Empfang und Bar demnächst jedoch besetzt sein soll. Treffen sich dann zwei Gäste aus demselben Hotel und chatten, verabreden sie sich vielleicht auch in der realen Lounge, meint Stöckl. Angi Gelenbe wird ihm da heftig widersprechen. Als Angie Ling kaufte sie sich in den virtuellen Läden Dinge, die sie später im richtigen Leben erwarb. Die Planung der Buchungsplattform hotel.de, in Second Life ein Schlosshotel zu eröffnen, ist für sie ein weiteres Indiz dafür, dass die 3-D-Welt für Touristik eine besondere Rolle spielen wird – auch beim Geldverdienen. Über eines ist sie sich dabei bewusst: Die Nutzer müssen sich vor Realitätsverlust hüten. |
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